Flüchtlingshilfe – Heike Erpel ist mittendrin und berichtet von ihren Erfahrungen

Ein Interview mit Diakonieschwester Heike Erpel, die als Hauswirtschafterin in der Gemeinschaftsunterkunft am Ostpreußendamm in Berlin-Lichterfelde arbeitet


Die milaa gGmbH, eine Tochtergesellschaft des Evangelischen Diakonievereins Berlin-Zehlendorf e.V., ist seit Anfang 2015 an verschiedenen Standorten in der Flüchtlingshilfe engagiert. Am 31. August 2015 eröffnete die Gemeinschaftsunterkunft am Ostpreußendamm in Berlin-Lichterfelde. Bis zu 300 Menschen mit einem besonderen Schutzbedürfnis finden hier ein Zuhause auf Zeit. „Mit unseren Angeboten im Rahmen der Flüchtlingsunterbringung wollen wir mehr als nur eine erste Zuflucht bieten. Die Menschen, die aus Kriegs- und Krisengebieten ihren Weg zu uns gefunden haben, benötigen neben der sozialpädagogischen Betreuung auch eine Perspektive. Diese Schritte, von der Verarbeitung der Geschehnisse bis hin zu dem Mut, ein neues Wagnis, ein neues Leben zu beginnen, wollen wir nach allen Kräften begleiten“, so Gisela Netzeband. Frau Netzeband ist als Geschäftsführerin der milaa gGmbH Ende März in den Ruhestand gegangen und hat die Aufgaben an ihre Nachfolgerin Jeanne Grabner weitergeben.

Um diese Ziele zu erreichen, bedarf es nicht nur der räumlichen und materiellen Ausstattung, sondern auch eines qualifizierten und hochmotivierten Teams. Am Ostpreußendamm sind Sozialarbeiter*innen, Erzieher*innen, Haustechniker, Sicherheitsdienstleute und viele freiwillige Helfer dafür da, ein Stück weit Normalität herzustellen, für Sorgen und Nöte da zu sein und bei bürokratischen Hürden zu helfen.

Dass das ein interessantes Arbeitsfeld sein könnte, dachte sich Diakonieschwester Heike Erpel schon, als sie in den ersten Tagen der Eröffnung ehrenamtlich vor Ort tätig wurde. „Da soll mich der Weg hinführen, wenn sich die Chance bietet“, dachte sich die 35jährige. In der aktuellen Situation sei es ihr wichtig, mit anpacken zu können und den Menschen vor Ort zu helfen. Und tatsächlich bot sich ihr kurze Zeit später die Gelegenheit, denn für die Gemeinschaftsunterkunft wurde eine Hauswirtschafterin gesucht. Schwester Heike zögerte keinen Moment. Im Dezember arbeitete sie zunächst noch mit einer halben Stelle in der Verwaltung des Evangelischen Diakonievereins in Zehlendorf und mit einer halben Stelle in der Unterkunft und startete dann im Januar ganztägig am Ostpreußendamm.

Da die Gemeinschaftsunterkunft seit ihrer Eröffnung zum Teil als Notunterkunft genutzt wird, ist Schwester Heike u.a. für die Essensausgabe der kalten und warmen Mahlzeiten, die Absprachen mit dem Caterer und der Ausgabe der Grundausstattung verantwortlich. Hinzu kommen die Draufsicht auf die Einhaltung hygienischer Aspekte, Lagerung, Ausgabe, Koordination der Bestellungen mit der Wäsche- und Reinigungsfirma. Neben den originären Aufgaben ist in einer sozialen Einrichtung vor allem eins im Fokus der Aufmerksamkeit: Der Mensch. „Unser Team arbeitet sehr eng zusammen. Wir sind darauf angewiesen, dass jeder die wichtigsten Infos über die Bewohner*innen hat und dass wir uns gut austauschen“, so Schwester Heike.  Insbesondere bei der Essens- und Wäscheausgabe komme man mit den Leuten schnell in Kontakt, zumindest mit denen, die diesen suchten, auf die anderen müsse man anders zugehen. Mit ihrer freundlichen und interessierten Art hat Schwester Heike einen „guten Draht“ zu vielen Bewohner*innen gefunden. „Von Zeit zu Zeit bekommen wir dann auch Einladungen von den Bewohner*innen, wenn wir auf den Gängen an den Wohneinheiten vorbeigehen“, erzählt Schwester Heike. Aber diese lehnt sie oft charmant ab, wobei ihr das entgegengebrachte Vertrauen seitens der Bewohner*innen viel bedeutet. „Man bekommt jeden Tag etwas zurück, das ist großartig und bestätigt mich darin, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.“

Denn natürlich ist auch jeder Tag mit neuen Herausforderungen verbunden, z.B. mit der Kommunikation. Ihr Englisch werde immer besser, erzählt Schwester Heike, aber in einem Haus mit den verschiedensten Sprachen reicht das oft nicht aus. „Also wird man erfinderisch – mit Lerneffekt. Für die Essensausgabe habe ich kleine Karten, auf denen Tiere und Gemüse abgebildet sind. Dann kann ich gut erklären, was das ist und mein Gegenüber hört dann schon mal die Worte ‚Huhn, Brokkoli oder Nudeln‘. Es ist wirklich schön, dabei zu sein und miterleben zu können, wie die Fortschritte des Einzelnen sind und wir haben tolle ehrenamtliche Mitarbeiter*innen, die vor Ort Kurse geben oder die Kleiderkammer koordinieren“, sagt Schwester Heike strahlend. Aktuell gebe es eine Familie, die in Kürze in die eigene Wohnung ziehen werde. Und da fiebert man dann schon ein Stück weit mit und freut sich, wenn alles klappt.

Auch sonst seien die Rahmenbedingungen des Ostpreußendamms sehr gut, was sich an einer guten Stimmung in beiden Häusern erkennen lässt. Es ist relativ ruhig, was man hört, ist Kinderlachen; trifft man auf den Gängen Bewohner*innen, so grüßen diese freundlich und herzlich. In einer der Gemeinschaftsküchen geht es heiß her, aber nur auf dem Herd. Ein großer Topf wird gerade von einer Mutter für die Familie zubereitet, einen Herd weiter wird gebraten. Es köchelt und dampft und riecht köstlich. Zwei Türen weiter huscht eine Frau noch schnell in den Raum, dort hat gerade der Deutschkurs angefangen.

Dieses gute Miteinander erreicht man nur gemeinsam, denn natürlich darf man nicht vergessen, dass all diese Menschen vor Krieg, Folter und Tod geflohen sind. Schwester Heike ist sich dessen sehr bewusst und bei all den neuen Erfahrungen und durch die Gespräche mit den Bewohner*innen nimmt sie schon jetzt für sich persönlich mit: „Ich bin voller Dankbarkeit. Für das, was ich habe, dass ich meine Familie nicht im Krieg verloren habe oder Angst um meine Liebsten haben muss oder abhängig von anderen bin. Und ich bin dankbar, dass ich den Menschen hier vor Ort helfen kann.“ Und wie so oft seien es die kleinen Dinge, die das Leben erleichtern. So gehört zum Beispiel zur Erstausstattung für neue Bewohner*innen ein Topf, es ist ein handelsüblicher normal großer Topf. Wenn es sich allerdings um eine mehrköpfige Familie handelt, dann ist dieser einfach zu klein. „Wenn ich so etwas dann mitbekomme, dann ist es mein Ziel, schnell und einfach eine Lösung zu finden, um die Situation zu verbessern. Ob über Freunde und Bekannte, die Ehrenamtlichen, oder, oder, oder. Tatsächlich bin ich mehr als begeistert, dass es so viel Hilfsbereitschaft gibt!“


Danke für das Interview!

Das Gespräch wurde geführt von Ann Jeanette Rupp

 


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